Graue Energie in der Immobilienwirtschaft

Die Immobilienwirtschaft spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung nachhaltiger Städte und Gemeinden. In diesem Kontext gewinnt das Konzept der grauen Energie zunehmend an Bedeutung. Dieser Artikel untersucht den Zielkonflikt zwischen Verdichtung und der Vermeidung von grauer Energie beziehungsweise zwischen Sanierung und Neubau. Dabei wird ein besonderer Fokus auf Beispiele aus der Schweiz gelegt, um die Herausforderungen und Lösungen in einem spezifischen nationalen Kontext zu veranschaulichen. Damit widmen wir uns in einem zweiten Artikel zum Thema Nachhaltigkeit am Bau.

 

Was ist graue Energie?

Graue Energie umfasst alle energetischen Aufwendungen, die nicht direkt sichtbar sind, aber in den Lebenszyklus eines Gebäudes einfliessen. Dies umfasst die Energie, die in den Abbau von Rohstoffen, deren Verarbeitung, den Transport zur Baustelle, den Bauprozess selbst sowie in zukünftige Renovierungen und den letztlichen Abriss des Gebäudes gesteckt wird. Laut Schätzungen beträgt die graue Energie eines typischen Neubaus etwa 30% der gesamten Lebenszykluskosten eines Gebäudes.

In der Schweiz wird die Bedeutung der grauen Energie zunehmend anerkannt, da die Schweiz hohe Umweltstandards verfolgt und eine nachhaltige Bauwirtschaft fördert. Der Gebäudebestand der Schweiz ist durch seine historische und kulturelle Vielfalt geprägt, was zusätzliche Herausforderungen für nachhaltiges Bauen und Sanieren mit sich bringt.

 

Der Zielkonflikt zwischen Verdichtung und Vermeidung von grauer Energie

Verdichtung: Eine Notwendigkeit für nachhaltige Städte

 

Städte auf der ganzen Welt stehen vor der Herausforderung, wachsende Bevölkerungen unterzubringen, ohne die Umwelt zu belasten. Verdichtung ist eine Antwort auf dieses Problem. Sie bezieht sich auf die effiziente Nutzung von städtischem Raum durch die Erhöhung der Bevölkerungs- und Bebauungsdichte. Dies kann durch den Bau höherer Gebäude, die Umwandlung ungenutzter Flächen und die Nachverdichtung bestehender Stadtstrukturen erreicht werden.

In der Schweiz ist die Verdichtung besonders relevant, da das Land über begrenzte bebaubare Flächen verfügt und gleichzeitig den Schutz seiner natürlichen Landschaften sicherstellen möchte. 

 

Die Rolle der grauen Energie bei der Verdichtung

 

Während Verdichtung viele Vorteile bietet, kann sie auch zu einem Anstieg der grauen Energie führen. Der Bau neuer Hochhäuser und die Umwandlung bestehender Strukturen erfordern – neben der Zerstörung dem endgültigen Verbrauch der grauen Energie der bestehenden Baute - erhebliche Mengen an Baumaterialien und Energie für den Neubau. Dies führt zu einer Erhöhung der grauen Energie, die in den Bauprozess einfliesst.

Ein Beispiel aus Zürich verdeutlicht dieses Dilemma. In den letzten Jahren hat die Stadt mehrere Hochhausprojekte genehmigt, um den Wohnraum zu erhöhen. Diese Neubauten sind zwar energieeffizient in ihrem Betrieb, aber die Bauphase verursacht eine beträchtliche Menge an grauer Energie.

 

Sanierung vs. Neubau: Ein weiterer Zielkonflikt

Sanierung: Nachhaltigkeit durch Erhalt

 

Sanierung ist oft eine umweltfreundlichere Option im Vergleich zum Neubau, da sie den Erhalt und die Aufwertung bestehender Strukturen fördert. Durch die Wiederverwendung von Gebäuden kann die graue Energie, die in den ursprünglichen Bau geflossen ist, weiter genutzt werden, anstatt durch Abriss und Neubau verloren zu gehen.

In der Schweiz gibt es zahlreiche Beispiele erfolgreicher Sanierungen. Eines davon ist das Projekt „Kalkbreite“ in Zürich. Hier wurde ein ehemaliges Strassenbahndepot in ein modernes Wohn- und Geschäftsgebäude umgewandelt. Durch die Nutzung der bestehenden Struktur konnte ein Grossteil der grauen Energie eingespart werden, die sonst für einen Neubau erforderlich gewesen wäre.

 

Neubau: Modernität und Effizienz

 

Neubauten bieten die Möglichkeit, moderne Bauweisen und Materialien zu nutzen, die energieeffizienter sind und den aktuellen Umweltstandards entsprechen. Moderne Neubauten sind oft besser isoliert, nutzen erneuerbare Energien und haben geringere Betriebskosten.

Jedoch ist der Neubau mit einer erheblichen Menge an grauer Energie verbunden. Der Abbau und die Verarbeitung von Baumaterialien, der Bauprozess selbst und die Entsorgung alter Strukturen tragen alle zur grauen Energie bei. In der Schweiz wird daher intensiv diskutiert, ob Neubauten wirklich nachhaltiger sind, wenn man die gesamte Lebenszykluskosten einschliesslich der grauen Energie berücksichtigt.

 

Beispiele aus der Schweiz

Das Hürlimann Areal in Zürich

 

Das Huerlimann Areal in Zürich ist ein hervorragendes Beispiel für eine nachhaltige Umnutzung bestehender Strukturen. Das ehemalige Brauereigelände wurde in ein modernes Stadtquartier mit Wohnungen, Büros, einem Hotel und einem Thermalbad umgewandelt. Durch die Erhaltung der bestehenden Gebäude und deren Integration in das neue Konzept konnte eine erhebliche Menge an grauer Energie eingespart werden.

 

Das Projekt „Greencity“ in Zürich

 

Greencity ist eines der grössten nachhaltigen Stadtentwicklungsprojekte in der Schweiz. Das ehemalige Industriegebiet wurde in ein ökologisch nachhaltiges Wohn- und Geschäftsquartier umgewandelt. Hier wurden sowohl Neubauten als auch sanierte Bestandsgebäude integriert. Das Projekt legt grossen Wert auf Energieeffizienz und hat strenge Nachhaltigkeitsstandards eingeführt. Trotz des Einsatzes modernster Technologien und Materialien bleibt die Herausforderung der grauen Energie bestehen, insbesondere in den Neubauten.

 

Lösungen und Strategien zur Reduzierung grauer Energie

Nachhaltige Materialien und Bauweisen

 

Die Wahl nachhaltiger Materialien kann die graue Energie erheblich reduzieren. In der Schweiz wird zunehmend auf Holz als Baustoff gesetzt, da es nachwachsend ist und eine geringere graue Energie als Beton und Stahl aufweist. Der Einsatz von recycelten Materialien und der Wiederverwendung von Bauteilen sind weitere Strategien, um die graue Energie zu minimieren.

 

Effiziente Bauprozesse

 

Die Vorfertigung von Bauteilen in Fabriken und deren anschliessende Montage vor Ort ist eine Methode, die zunehmend Anwendung findet.

 

Lebenszyklusbetrachtung und Planung

 

Eine ganzheitliche Lebenszyklusbetrachtung, die sowohl die Bau- als auch die Nutzungsphase eines Gebäudes berücksichtigt, kann dazu beitragen, die graue Energie zu minimieren. Dies erfordert eine sorgfältige Planung und eine enge Zusammenarbeit zwischen Architekten, Ingenieuren und Bauherren.

 

Förderung und gesetzliche Rahmenbedingungen

 

Die Schweizer Regierung und verschiedene Kantone haben Förderprogramme und gesetzliche Rahmenbedingungen eingeführt, um nachhaltiges Bauen zu fördern. Diese Massnahmen unterstützen den Einsatz energieeffizienter Technologien und Materialien und setzen Anreize für Sanierungen anstelle von Neubauten.

 

Fazit

 

Die Immobilienwirtschaft steht vor der Herausforderung, eine Balance zwischen Verdichtung und der Vermeidung von grauer Energie beziehungsweise zwischen Sanierung und Neubau zu finden. In der Schweiz gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass nachhaltiges Bauen und Sanieren möglich ist, wenn die richtigen Strategien und Materialien eingesetzt werden. Dabei gilt es aber stets auch eine fundierte Abwägung zwischen Kosten und Nutzen zu machen. 

Die graue Energie bleibt jedoch ein bedeutendes Thema, das eine sorgfältige Planung und innovative Ansätze erfordert. Durch die Kombination von nachhaltigen Bauweisen, effizienten Prozessen und einer ganzheitlichen Lebenszyklusbetrachtung können die ökologischen Auswirkungen der Bauwirtschaft minimiert werden. 

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